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Website © S. Falkenstein

 

NS "Euthanasie"

Annas Geschichte

Ännes letzte Reise

Stolperstein

Erinnerungsarbeit

Namensnennung

Patientenakten

Bedburg-Hau

Fotos Grafeneck 2006

"Aktion T4" Berlin

Runder Tisch "T4"

Archiv

Fotos "T4" Ort 2006

Wettbewerb "T4" 2012

Erinnerungsort 2014

NS „Euthanasie" und Zwangssterilisation

Ausgrenzung - Entwürdigung - Vernichtung

Anna Lehnkering, 1932

Anna Lehnkering

Opfer der "Aktion T4"
Am 7. März 1940 im Alter von 24 Jahren

in der Gaskammer von Grafeneck ermordet 


Annas Schicksal - der Anlass für diese Website 

Diese Website entstand, nachdem ich 2003 per Zufall erfahren hatte, dass Anna, die Schwester meines Vaters, Opfer der NS-"Euthanasie" war. Im Verlauf meiner Spurensuche fand ich drei Stationen, die ihren Leidensweg von der Ausgrenzung, über die Entwürdigung, bis hin zur psychischen und schließlich physischen Vernichtung markieren.

Im Februar 1935 wird Anna im Ev. Krankenhaus der Stadt Mülheim a.d. Ruhr zwangssterilisiert. Im Dezember 1936 erfolgt ihre Einweisung in die Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau, wo sie drei qualvolle Jahre verbringt. 1940 wird Anna im Rahmen der "Aktion T4" in die "Euthanasie"-Tötungsanstalt Grafeneck deportiert, wo man sie am 7. März im Alter von 24 Jahren in einer Gaskammer ermordet.

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Zwangssterilisation und "Euthanasie" im Nationalsozialismus

An Anna wurde – wie an hunderttausenden anderen kranken und wehrlosen Menschen – der sogenannte „Gnadentod" vollstreckt. Mit dem missbräuchlich verwendeten Begriff „Euthanasie" (griech.: guter Tod) tarnten die Nationalsozialisten zynisch und beschönigend den organisierten Massenmord an Menschen, die man als „erbminderwertige Ballastexistenzen“ verunglimpfte und aufgrund von rassen- und erbbiologischen Wahnvorstellungen für „lebensunwert" erklärte.

Ziel der nationalsozialistischen Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik war die Schaffung einer erbgesunden "arischen" Rasse. Ausgehend von sozialdarwinistischen Ideen, die bereits vor dem Ersten Weltkrieg - auch in anderen Ländern Europas und in den USA - Eingang in die Wissenschaften Eugenik und Rassenhygiene gefunden hatten, wurden während der NS-Zeit die politischen Instrumente geschaffen, die eine radikale Umsetzung solcher Ideen ermöglichten und zu ungeheuerlichen Verbrechen führten.

In einem ersten Schritt erließen die Nationalsozialisten 1933 das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. Es ermöglichte die Unfruchtbarmachung gegen den Willen der Betroffenen. Die Opfer waren vor allem Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen. Aber das Gesetz traf auch sogenannte „Asoziale“, Hilfsschüler, Alkoholkranke, Homosexuelle und andere, die – warum auch immer - nicht der gewünschten Norm entsprachen. Es wird geschätzt, dass bis Kriegsende mindestens 400.000 Menschen zwangssterilisiert wurden. Ein großer Teil von ihnen wurde später im Rahmen der "Euthanasie" ermordet. 

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges kam es dann - beschleunigt durch ökonomische Interessen - zur völligen Pervertierung der rassenhygienischen Ideen. Im Oktober 1939 erließ Adolf Hitler eine Anordnung zur Ausrottung "lebensunwerten Lebens", zurückdatiert auf den Tag des Kriegsbeginns am 1. September 1939. In Polen wurden bereits 1939/40 Tausende Patienten erschossen oder vergast.

Ab Anfang 1940 begann der staatlich organisierte Massenmord im Deutschen Reich. Nach derzeitigem Forschungsstand wurden etwa 300.000 Menschen Opfer der "Euthanasie"-Morde.

Der Ablauf der "Euthanasie" kann grob in folgende Phasen eingeteilt werden:

  • 1939 – 1945
    Kindereuthanasie - die Ermordung "missgebildeter" Neugeborener und Kleinkinder, später auch Jugendlicher in "Kinderfachabteilungen"

  • 1940 – 1941
    Aktion "T4" - zentral gelenkt aus der Planungs- und Verwaltungszentrale in der Berliner Tiergartenstraße 4, wo Ärzte und Verwaltungspersonal die Erfassung und Selektion von Patienten und Patientinnen aus Heil- und Pflegeanstalten sowie deren Transport in sechs eigens dafür eingerichtete Gasmordanstalten organisierten. Bis August 1941 wurden über 70.000 Menschen getötet in Grafeneck, Brandenburg, Hartheim, Pirna/Sonnenstein, Bernburg und Hadamar
    Die Aktion "T4" gilt als das Modell für den millionenfachen Mord an den europäischen Juden, der nur kurze Zeit später begann.

  • 1941 – 1945
    Dezentrale "Euthanasie" - regional und lokal organisierte Morde in Heil- und Pflegeanstalten, Fürsorge- und Altersheimen etc. durch überdosierte Medikamente, Nahrungsentzug oder Vernachlässigung

  • 1941 – 1944
    die Aktion "14f13" - die Ermordung arbeitsunfähiger oder politisch bzw. "rassisch" verfolgter Häftlinge von Konzentrationslagern    

Verdrängen und Vergessen

Zwangssterilisation und "Euthanasie"-Morde wurden jahrzehntelang aus dem kollektiven Gedächtnis unserer Gesellschaft verdrängt.

Auch Annas Schicksal war lange Jahre vergessen – sogar in ihrer Familie. Nachdem ich 2003 erfahren hatte, was geschehen war, bin ich den Spuren ihres Lebens und Sterbens nachgegangen. Im Verlauf dieser Spurensuche stellte ich fest, dass es nach Jahrzehnten des Verschweigens und Verdrängens immer noch kein angemessenes Gedenken für Anna und viele andere Opfer gibt. Auch stieß ich bei meinen Recherchen auf unerwarteten Widerstand und Ignoranz. Aus dieser erschreckenden Erkenntnis leitete ich für mich die Verpflichtung ab, daran mitzuwirken, dass die Erinnerung nicht verloren geht und für uns und die nächsten Generationen aufbewahrt wird.   

In den letzten Jahren hatte ich viele interessante und auch berührende Begegnungen mit Menschen, die dasselbe Ziel verfolgen wie ich: die Erinnerung an die Opfer der NS-Medizinverbrechen wach zu halten. All die Begegnungen ermutigen zum Weitermachen, denn "viele kleine Leute, an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, werden das Antlitz dieser Welt verändern."   mehr »

Wandel der Erinnerungskultur

Die Wahrnehmung der "Euthanasie"-Verbrechen hat sich meines Erachtens in letzter Zeit im öffentlichen und politischen Bewusstsein geändert. Es gibt einen Wandel in der Erinnerungskultur, der sich widerspiegelt in zahlreichen Gedenk- und Erinnerungsaktivitäten auf regionaler, lokaler und bundesweiter Ebene.

Ein geradezu historischer Moment war der 27. Januar 2017, als anlässlich der Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag zum ersten Mal die Opfer der “Euthanasie“ in den Mittelpunkt gestellt wurden. Ein weiteres Beispiel für einen veränderten Umgang mit der Geschichte der "Euthanasie"-Verbrechen ist an der Berliner Tiergartenstraße 4 festzumachen. Dort erinnert die Bundesrepublik Deutschland seit 2014 mit dem Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Morde an die etwa 300.000 Patienten aus Heil- und Pflegeanstalten sowie »rassisch« und sozial unerwünschte Menschen, die während der Zeit des Nationalsozialismus im Deutschen Reich und im besetzten Europa als "lebensunwert" getötet wurden.
Es gibt kein Verständnis von Gegenwart und Zukunft ohne Erinnerung an die Vergangenheit!

 

Vertiefende Informationen

 

Eugenik

Eugenik bezeichnet seit 1883 die Anwendung humangenetischer Erkenntnisse auf die Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik mit dem Ziel, den Anteil positiv bewerteter Erbanlagen zu vergrößern und den negativ bewerteter Erbanlagen zu verringern. Die Eugenik war in vielen Ländern in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts populär."

Quelle: Wikipedia

 

Rassenhygiene

"Die Nationalsozialistische Rassenhygiene stellte eine Radikalvariante der Eugenik dar. Die praktische Umsetzung erfolgte durch den Einfluss auf die Wahl der Geschlechts- und Ehepartner durch die Nürnberger Gesetze und Eheverbote, auf die Zwangssterilisation bei verschiedenen Krankheitsbildern und Bevölkerungsgruppen, durch Zwangsabtreibungen bis zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“, beispielsweise durch die so genannte Kinder-Euthanasie."

Quelle: Wikipedia

 

Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, das am 14. Juli 1933 erlassen wurde, gehörte zu den ersten Rassengesetzen der Nationalsozialisten und hatte das Ziel, „den Volkskörper zu reinigen und die krankhaften Erbanlagen allmählich auszumerzen“.


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