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Website © S. Falkenstein

NS "Euthanasie"

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Biografische Arbeit
von Angehörigen

31. August 2018

Tagung in der Topographie des Terrors in Berlin Die Situation der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen in der NS-Zeit

S. Falkenstein: Annas Spuren – Schweigen, Vergessen und Erinnern in Annas Familie 

Interviewreihe mit Angehörigen auf gedenkort-t4.eu von Julia Frick

Interview mit S. Falkenstein (2017)

27.01.2017
Gedenkstunde für die Opfer der NS-"Euthanasie" im Deutschen Bundestag Redebeitrag von S. Falkenstein
PDF-Dokument
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Remembering the Holocaust's forgotten victims BBC

Deutsche Welle in English

2017 Sigrid Falkenstein erzählt
Zeit- und Zweitzeugen

2015 SWR Planet Wissen: Sendung zur NS-"Euthanasie"

 

Annas Spuren - Ein Opfer der NS-"Euthanasie"

Sigrid Falkenstein: Annas Spuren
Mitarbeit Prof. Dr. Dr. Schneider

Annas Spuren - Ein Opfer der NS-"Euthanasie"

Annas Spuren
in Einfacher Sprache

 

Hans Ulrich Dapp: Emma Z. Ein Opfer der Euthanasie

Hans-Ulrich Dapp: Emma Z. Ein Opfer der Euthanasie

Elisabeth Zöller: Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens

Die Blumen haben fein geschmeckt

Martin, Daniela: Die Blumen haben fein geschmeckt - Das Leben meiner Urgroßmutter Anna L. (1893-1940) 

Internetseite von Daniela Martin

Maries Akte

Schneider, Kerstin: Maries Akte 

Kron-Treu: Menschen im Ries

Kron-Treu, Lydia: Menschen im Ries: Eine Familiengeschichte in Zeiten der Unmenschlichkeit

Kron-Treu, Lydia: Der zehnte Teil

Breznik: Das Umstellformat

Breznik, Melitta: Das Umstellformat

Warum haben wir sie nicht retten können?

Selting: Betriebsausflug in die Gaskammer

Selting, Bernhard:
Betriebsausflug in die Gaskammer

Kosemund, Antje: Sperlingskinder

Kosemund, Antje:
Sperlingskinder,
VAS Verl. 2011

Traub, Hartmut: Ein Stolperstein für Benjamin

Traub, Hartmut: Ein Stolperstein für Benjamin, Klartext Verl. 2013

Dunkelmann, Ruth A.: Lina Das kurze Leben eines besonderen Mädchens

Dunkelmann, Ruth A.: Lina Das kurze Leben eines besonderen Mädchens

webseiten von angehörigen

In Memoriam Erna Kronshage

Edward Wieand

Erna K. - Mein Lachen ist Weinen.

LeichtFassung des Blogs

... und schon wieder Erna
in einfacher Sprache neu!

Blogbeitrag mit dem Theater-Premiere-Video "Ich will leben" in Anlehnung an das Schicksal von Erna Kronshage:

https://sinedi-blog.blogspot.com/2018/07/ganz-besonders-ich-will-leben-das.html

Hannah Bischof
Zyklus für Maria, Ausstellung der Malerin über ihre Großmutter Maria Fenski

Barbara Stellbrink-Kesy
Erinnern ist nichts für einen allein: Irmgard Heiss, ein Opfer der T4-Aktion 1939 – 45

"Euthanasie"-Gedenkpfad LWL-Klinik Lengerich

https://www.youtube.com/watch?v=9wob0G8r6rg&feature=youtu.be

Julia Gilfert geb. Frick
über ihren Großvater, WALTER FRICK, Komponist, Dirigent. Euthanasieopfer

Ingvild Mathe-Anglas Rodriguez
über ihre Tante Katharina Sandmann

Völker, Renate
über ihre Tante Helene Krötz - Als arbeitsunfähig erachtet und ermordet

Mehr als 100 Kurzbiografien von Opfern der NS-"Euthanasie"
teilweise verfasst von Angehörigen

Presse etc.

Cordula Eberle: Ausführliche Website zur NS-Euthanasie

Bunk, Alfons Wendelsheim gedenkt des Todes von Karl Eugen Albus (neckar.chronik.de)

Köhler-Hertweck, Goswinde Wer hat Onkel Ernst ermordet? (Stuttgarter Zeitung)

Küchelmann, Hans-Christian Traudis Erben (taz, 2010)

van Hasseln, Gerhard Vertuschung des Massenmordes - Hermine Stogniew (FAZ)

Gabriele Bußmann über das Schicksal ihrer Großmutter Rosa, die in Klingenmünster ermordet wurde

Andere Lebensgeschichten Martin, Elke (Hrsg.): Verlegt, Krankenmorde 1940-41 am Beispiel der Region Stuttgart, Verl. Peter Grohmann, 2011 Bestellkarte

Domes, Robert: Nebel im August - Die Lebensgeschichte von Ernst Lossa

2016 Der Film "Nebel im August"

Hemmann, Tino: Hugo. Der unwerte Schatz. Erzählung einer Kindheit

Krischer, Markus: Kinderhaus, Leben und Ermordung des Mädchens Edith Hecht

Sondermann, Regine: Kunst ohne Kompromiss: Die Malerin Elfriede Lohse-Wächtler 1899-1940

Der Heusel-Rein: Betzinger Eulenspiegel und Dorf-Unikum

Heimkinder - Insassen hinter Mauern, Die Geschichte von Paul Brune

Erinnerungsarbeit Gegen das Vergessen

Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst.
Jean Baudrillard


- Schweigen und Verdrängen nach 1945

- Später Beginn der Gedenk- und Erinnerungsarbeit

- Das deutsche Parlament

- Erinnerungsarbeit und Gedenkzeichen für Anna

- Erinnerungsarbeit von Angehörigen

- Politische Meilensteine auf dem Weg der Erinnerung

- Erinnern, Gedenken, Informieren, Lernen

 

Schweigen und Verdrängen nach 1945

Als ich 2003 per Zufall den Namen meiner Tante Anna Lehnkering auf einer Liste von Opfern der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen im Internet fand, war das ein Schock. Bis dahin hatte man Annas Schicksal in meiner Familie verschwiegen. Heute weiß ich, dass dieses Schweigen Spiegel eines gesamtgesellschaftlichen Prozesses von Verdrängen, Vertuschen und Verleugnen der Verbrechen war.

Ideologie und Praxis der nationalsozialistischen Rassenhygiene haben als historische Erfahrung in der deutschen Gesellschaft noch lange nach 1945 nachgewirkt. Das Stigma der „Erbminderwertigkeit“ hinterließ Spuren. Die Scham blieb und verhinderte in vielen Familien eine aktive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Es kam erschwerend hinzu, dass die Ermordeten, die Überlebenden und ihre Familien auch nach Kriegsende weiterhin in beiden deutschen Staaten diskriminiert und stigmatisiert wurden.

In den Anfangsjahren nach dem Krieg gab es zwar Versuche, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Aber nur ein Bruchteil von ihnen wurde vor Gericht gestellt und nur wenige wurden verurteilt. Viele setzten ihre Karrieren fort. Ein typisches Beispiel ist der Werdegang von Annas Mörder Horst Schumann. Nach dem Krieg praktizierte er zunächst als Arzt. Als er nach zwischenzeitlicher Flucht in den siebziger Jahren vor Gericht gestellt wurde, geriet der Prozess zum Justizskandal. Kollegen bescheinigten dem Angeklagten in zweifelhaften Gutachten, dass er wegen seines Bluthochdrucks verhandlungsunfähig sei. Der Prozess wurde eingestellt. Bis zu seinem Tod 1983 lebte Schumann noch mehr als zehn Jahre unbehelligt.

Die gesellschaftliche, juristische und politische Aufarbeitung geschah insgesamt äußerst stockend und völlig unzureichend. Kein Wunder also, dass ein Teufelskreis von Schweigen, Verdrängen und Tabuisieren entstand, der die geschichtliche Aufarbeitung und ein angemessenes Gedenken für die vielen hunderttausend Opfer von „Euthanasie“ und Zwangssterilisation jahrzehntelang verhinderte.

Später Beginn der Gedenk- und Erinnerungsarbeit

Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer war eine der rühmlichen Ausnahmen, die versuchten, das "Schweigekartell" zu durchbrechen. Doch die von Bauer in den 60er Jahren begonnenen Ermittlungen gegen mutmaßliche Schreibtischtäter der „Euthanasie“ wurden eingestellt. Sein Wirken wurde erst viele Jahre später gewürdigt.

Besonders hervorzuheben ist die Pionierarbeit des Journalisten Ernst Klee, der in den 70er Jahren mit der Aufarbeitung der Medizinverbrechen begonnen hat und dessen Buch »Euthanasie« im Dritten Reich: Die »Vernichtung lebensunwerten Lebens« bis heute Standardwerk zur NS-"Euthanasie" ist.

Anfang der 80er Jahre fing man dann an verschiedenen Orten in der BRD an, sich mit der Geschichte der NS-Medizinverbrechen auseinanderzusetzen. Auch der Arbeitskreis Erforschung der NS „Euthanasie“ und Zwangssterilisation wurde damals gegründet. Mitglieder des AK sind heute Angehörige, Pflegekräfte, Ärzte, Theologen, Historiker, Juristen, Gedenkstättenmitarbeiter, Pädagogen, Psychologen und viele mehr.

Ein weiteres Beispiel für die Anfänge der Gedenk- und Erinnerungsarbeit ist das Engagement der Westberliner Geschichtswerkstatt und die Initiative von Götz Aly, denen es zu verdanken ist, dass in den 80er Jahren ein erster Ort der Erinnerung an der Tiergartenstraße 4 entstehen konnte.

Auch der 1987 gegründete Bund der "Euthanasie"-Geschädigten und Zwangssterilisierten hat sich um die Erinnerung an die Opfer und vor allem um die politische Aufarbeitung der Verbrechen verdient gemacht.

Das deutsche Parlament

Man kann wohl sagen, dass das deutsche Parlament historische Schuld auf sich geladen hat. Beispielsweise berief es in den 60er Jahren Werner Villinger, ehemaliger T4-Gutachter und Befürworter von Zwangssterilisation, als Gutachter des Wiedergutmachungsausschusses des Deutschen Bundestages. Villinger wendete sich gegen eine finanzielle Entschädigung "seiner" Opfer und sprach zynisch von einer "Entschädigungsneurose". Das führte dazu, dass die Opfer der NS-Zwangssterilisation nicht unter das Bundesentschädigungsgesetz fielen. Unfassbar - Werner Villinger erhielt sogar das Große Bundesverdienstkreuz.

In diesen Kontext gehört, dass der Deutsche Bundestag das Erbgesundheitsgesetz erst 2007 zu einem NS-Unrechtsgesetz erklärt hat, unvereinbar mit dem Grundgesetz.

Am 27. Januar 2011, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, stimmten dann zwar alle Parteien einem Antrag zu Entschädigungsleistungen für Opfer der Zwangssterilisierung und der „Euthanasie“ in der Zeit des Nationalsozialismus zu. Doch das Plenum war fast leer und wieder einmal wurde die historische Chance vertan, die Opfer als rassisch Verfolgte anzuerkennen. So sind sie bis heute den anderen NS-Verfolgten nicht gleichgestellt. Es ist allerhöchste Zeit, das zu ändern, bevor die letzten direkt Betroffenen gestorben sind. 

Gedenkzeichen für Anna

Installtation der Erinnerung "Ännes letzte Reise" Am Anfang meiner Spurensuche stand das Entsetzen über Annas unfassbares Leid. Ihr ist himmelschreiendes Unrecht geschehen. Das Totschweigen ist Teil des Unrechts. Ich fühlte mich verpflichtet, ja, verantwortlich dafür, das Schweigen und die Sprachlosigkeit zunächst in meiner Familie zu überwinden. Die Erkenntnis, dass Anna nur eine von Hunderttausenden war, hat dazu geführt, dass sich aus meiner anfangs rein privaten Spurensuche ein immer stärkeres bürgerschaftliches Engagement gegen das Vergessen entwickelt hat. Ich bin froh und dankbar, dass Anna heute nicht nur einen festen Platz im Familiengedächtnis hat, sondern dass es neben den Gedenkseiten im Internet auch andere öffentliche Gedenkzeichen für sie gibt, Zeichen der Erinnerung, die selbstverständlich stellvertretend für die zahllosen anderen Opfer stehen.

2009 wurde in Mülheim a. d. Ruhr ein Stolperstein für Anna verlegt.

Seit 2009 erinnert die Installation der Erinnerung „Ännes letzte Reise“ im Klinik-Museum von Bedburg-Hau an Anna - stellvertretend für alle Opfer.

2012 inszenierte das Kinder- und Jugendtheater Mini-Art aus Bedburg-Hau das beeindruckende Theaterstück "Ännes letzte Reise", das auf Annas Schicksal basiert.

2012 erschien das Buch Annas Spuren. Ein Opfer der NS-"Euthanasie" (Herbig Verlag, München, Neuauflage 2018, Herbig, Stuttgart). Der Psychiater Frank Schneider, der maßgeblich an der Aufarbeitung der Geschichte seines Berufsstandes beteiligt war, hatte mich zum Schreiben bewegt  und dabei unterstützt. Mit dem Buch wollen wir an Anna erinnern und gleichzeitig hinter ihrer individuellen Lebensgeschichte und meiner Spurensuche gesellschaftliche Zusammenhänge sichtbar machen. Dahinter steht der Gedanke, dass Erinnern immer Gedenken und Informieren beinhalten sollte. Denn nur wenn wir die Vergangenheit verstehen, können wir Antworten finden auf schwierige gesellschaftliche Fragen, die sich uns heute und morgen stellen.

Als ich gefragt wurde, ob das Buch in "Einfache Sprache" übertragen werden könnte, habe sofort ja gesagt. Alle Menschen haben ein Recht auf Informationen über unsere Geschichte. Dabei habe ich an Anna gedacht, die lernbehindert war, aber auch an Menschen, die aus anderen Gründen nicht gut lesen können. 2015 erschien das Buch "Annas Spuren" als Kurzfassung in Einfacher Sprache (Spaß am Lesen Verlag, Münster).

Seit dem Erscheinen von "Annas Spuren" wurde ich zu zahlreichen Lesungen eingeladen - in "schwerer" und "einfacher Sprache". Doch - egal in welcher Sprache – das seelische und körperliche Leid von Anna und den anderen Opfern ist schwer in Worte zu fassen und ist eigentlich unbeschreiblich. Dennoch bin ich dankbar, dass die Erinnerung an Anna auf diese Weise lebendig erhalten bleibt. 

2013 wurde im Rahmen des Berliner Themenjahres „Zerstörte Vielfalt“ die Ausstellung Tiergartenstraße 4 - Geschichte eines schwierigen Ortes auf dem Vorplatz der Berliner Philharmonie gezeigt. Sie verknüpft die Geschichte der Adresse Tiergartenstraße 4 mit dem Lebensweg von Anna und hat inzwischen als Wanderausstellung an verschiedenen Orten in Deutschland Station gemacht.

Kurzbiographie von Anna Lehnkering am Erinnerungsort Tiergartenstraße 42014 wurde der zentrale Gedenk- und Informationsort für die Opfer der NS »Euthanasie«-Morde an der Tiergartenstraße 4 in Berlin eröffnet. Annas Biografie ist eine von zehn exemplarischen Opferbiografien, die stellvertretend an die unterschiedlichen Lebensschicksale von "Euthanasie"-Opfern erinnern.

Das Thema NS-"Euthanasie" hat inzwischen auch Eingang in deutsche Schulbücher gefunden. In einigen wird das Schicksal von Anna als exemplarisch für den Umgang mit Behinderten während der NS-Zeit dargestellt.

Zeiten und Menschen 3 Schöningh/Westermann 2018

Geschichte und Geschehen Oberstufe 11/12  Klett 2015

Geschichte und Gegenwart 3 Schöningh 2013

Menschen Zeiten Räume 3, 9./10. Schulj. Cornelsen 2013

Erinnerungsarbeit von Angehörigen

Ich habe in meiner Familie erlebt, dass Schweigen krankmachen kann. Die Aufarbeitung der Vergangenheit war heilsam. Im Laufe der Jahre hatte ich Kontakt zu zahlreichen betroffenen Angehörigen. Viele haben das Schweigen in ihren Familien als eine Last empfunden. Doch nach meinem Eindruck begeben sich inzwischen immer mehr Familienmitglieder der zweiten und dritten Generation auf Spurensuche und arbeiten die Lebensgeschichten ihrer ermordeten Verwandten auf. Nicht selten setzen sie sich damit gegen immer noch existierende Widerstände über die jahrzehntelange Tabuisierung des Themas in Gesellschaft und Familie hinweg. Der Umgang mit „Euthanasie“ und Zwangssterilisation in den betroffenen Familien ist teilweise bis heute geprägt von Unsicherheit (Ist die Krankheit erblich?), von Scham (Leben mit dem Stigma der „erblichen Minderwertigkeit“) und Schuld (Warum haben wir unsere Angehörigen nicht geschützt? Warum haben wir geschwiegen?).

2011 wurde auf dem Informations- und Gedenkportal www.gedenkort-t4.eu mein Aufruf an betroffene Angehörige veröffentlicht: "... diesen Teufelskreis gilt es zu durchbrechen! Schweigen und Verdrängen machen krank! Wer – wenn nicht wir als Angehörige – könnte glaubwürdiger bezeugen, dass die Opfer keine anonyme Masse waren?! Wer – wenn nicht wir – wäre besser geeignet, ihnen Gesicht und Namen und damit ihre Identität zurückzugeben? Über das Gedenken hinaus können wir aber auch mit der Erinnerung an ihre Lebensgeschichten die Geschichte unserer Gesellschaft sichtbar machen und auf diese Weise vielleicht dazu beitragen, dass sich Derartiges nie wiederholen möge! ..." (S. Falkenstein)

Inzwischen sind zahlreiche Familienangehörige dem damaligen Appell gefolgt und haben über ihre Familiengeschichten bzw. die Lebensgeschichten ihrer ermordeten Familienmitglieder berichtet. 

Ein weiteres Beispiel (von vielen) dafür, dass die Perspektive der Opfer und ihrer Angehörigen inzwischen stärker in das öffentliche Blickfeld gerückt ist, war die Veranstaltung zur Situation von Angehörigen psychisch kranker Menschen in der NS-Zeit, die am 31. August 2018 in der Topographie des Terrors in Berlin stattgefunden hat. 

  • Tagungsbericht mit allen Vorträgen zum Download
    (Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V.)

Veränderungen der deutschen Erinnerungskultur

Die Nennung der Namen von "Euthanasie"-Opfern

Die Recherchen der Angehörigen sind oft mühsam. Dass Anna heute einen festen Platz im Familiengedächtnis hat, war unter anderem möglich, weil ich ihren Namen auf einer nach deutschem Recht illegalen Liste gefunden habe. Archivregelungen haben die öffentliche Nennung der Namen von „Euthanasie“-Opfern lange verhindert. Mit Bezug auf Datenschutzrichtlinien wurde argumentiert, man müsse auf die schutzwürdigen Belange Dritter - gemeint sind die heute lebenden Angehörigen - Rücksicht nehmen. Sie könnten sich stigmatisiert fühlen - eine Argumentation, die direkt an rassenhygienisches Denken anknüpft.

2018 gab es eine wegweisende Änderung. Seitdem ermöglicht das Bundesarchiv eine personenbezogene Suche in einer Online Datenbank, die auf den Namen von etwa 30.000 Opfern der „Aktion T4“ basiert. Zwar nur ein Bruchteil, aber immerhin ein Anfang! Mit der Nennung der Namen wird eine unheilvolle Kontinuität durchbrochen, ein wichtiger Schritt, um die Opfer in das familiäre und kollektive Gedächtnis zurückzuholen und zugleich ein Beitrag zur Entstigmatisierung von Menschen, die heute von Behinderung oder psychischer Erkrankung betroffen sind. Es bleibt zu hoffen, dass andere Archive und Institutionen – soweit noch nicht geschehen - dieser Praxis folgen werden.

Übernahme von Verantwortung auch durch die offizielle deutsche Ärzteschaft

Nachdem man sich jahrzehntelang auf allen gesellschaftlichen Ebenen gegen die Übernahme von Verantwortung gesperrt hatte, weisen nicht nur die Bemühungen rund um die Namensnennung auf eine Veränderung der deutschen Erinnerungskultur hin. Ich habe den Eindruck, dass sich die Wahrnehmung der „Euthanasie"-Verbrechen im öffentlichen und politischen Bewusstsein in den letzten Jahren deutlich verändert hat, ein Wandel in der Erinnerungskultur, der sich widerspiegelt in den Medien, in Aktivitäten auf regionaler und lokaler Ebene, in Gedenkveranstaltungen oder Ausstellungen landesweit.

Davon zeugt ebenso das stetig wachsende Interesse an der Arbeit der Gedenkstätten. Kliniken und andere an den Verbrechen beteiligte Institutionen setzen sich ebenfalls zunehmend mit ihrer Geschichte auseinander.

Auch die deutsche Ärzteschaft stellt sich seit einigen Jahren der eigenen Verantwortung. Ein Ergebnis der veränderten Haltung ist die von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin initiierte Ausstellung, die seit 2010 in vielen Orten zu sehen war.

Ein weiterer Meilenstein war der Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), der 2010 erstmals der Erinnerung an die Opfer und der Verantwortung der psychiatrischen Fachgesellschaft gewidmet wurde. Der Psychiater Prof. Dr. Dr. Frank Schneider benannte als damaliger Präsident der DGPPN erstmals offiziell die Verantwortung der Täter, drückte Scham und Trauer aus und bat die Opfer und ihre Familien um Verzeihung für das Leid und Unrecht, das ihnen im Namen der deutschen Psychiatrie angetan wurde. In seine Bitte um Verzeihung schloss er ausdrücklich das lange Schweigen, Verharmlosen und Verdrängen der deutschen Psychiatrie in der Zeit danach ein. Ich konnte als Angehörige an Anna und ihr Schicksal erinnern.

Bürgerschaftliches Engagement
Unter dem Strich bleibt allerdings festzuhalten, dass der entscheidende Anstoß für viele Erinnerungs- und Gedenkaktivitäten nach wie vor von bürgerschaftlichem Engagement ausgeht und häufig das Verdienst lokaler Initiativen und einzelner Menschen ist. Ein Beispiel dafür sind die unzähligen Stolperstein-Initiativen mit ihrem Motto: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“.
Stellvertretend für viele andere Initiativen seien hier genannt

Politische Meilensteine auf dem Weg der Erinnerung

In der Politik hat die Forderung nach Würdigung der „Euthanasie“-Opfer zunehmend Gehör gefunden. Das vielleicht augenfälligste Beispiel für einen veränderten Umgang mit der Geschichte der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen ist an der Berliner Tiergartenstraße 4 festzumachen.

Ausstellung "Tiergartenstraße 4 - Geschichte eines schwierigen Ortes"Der ehemalige Standort der "T4"-Villa auf dem Vorplatz der Berliner Philharmonie war lange Zeit ein Symbol für das Schweigen, die gesellschaftliche und politische Ignoranz im Umgang mit den Opfern.

2013 erinnerte das Land Berlin mit zahlreichen Aktivitäten im Rahmen des Themenjahres „Zerstörte Vielfalt“ an Menschen, die vor der Nazi-Diktatur die Vielfalt der Stadt geprägt und ausgemacht hatten. Im Rahmen des Themenjahres wurde die Ausstellung Tiergartenstraße 4 - Geschichte eines schwierigen Ortes auf dem Vorplatz der Berliner Philharmonie gezeigt.

2007 kam es durch bürgerschaftliches Engagement zur Gründung eines Runden Tisches, an dem engagierte Einzelpersonen und Vertreter/innen verschiedener Institutionen zusammenkamen.

Das Denkmal der grauen Busse an der Berliner Philharmonie 2008Der Runde Tisch initiierte verschiedene temporäre Projekte, um den historischen Ort "Tiergartenstraße 4" deutlicher sichtbar zu machen. So stand zum Beispiel das Denkmal der Grauen Busse von Januar 2008 bis Januar 2009 auf dem Vorplatz der Philharmonie.

Das Hauptziel des Runden Tisches war von Anfang an eine angemessene Umgestaltung des T4 Gedenkortes. "Gefordert sind keine leeren Worte, keine Sonntagsreden und keine abstrakten Denkmale mit Symbolcharakter. Gefordert werden konkrete Schritte zur Aufarbeitung der Vergangenheit. Dazu gehört vor allem - das gilt auch für den an der Tiergartenstraße 4 in Berlin geplanten Erinnerungsort - Aufklärung und Information und damit eine breite gesellschaftliche Bewusstmachung des Geschehenen." (S. Falkenstein, 2008) 

Gedenk- und Informationsort für die Opfer der NS-"Euthanasie"-VerbrechenAm 2. September 2014 - fast auf den Tag genau 75 Jahre nach Hitlers „Euthanasie“-Erlass - wurde der zentrale Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen »Euthanasie«-Morde an der Berliner Tiergartenstraße 4 der Öffentlichkeit übergeben. Ein wichtiger Schritt auf einem langen Weg.

Ein weiterer Höhepunkt auf dem Weg zu einem würdigen Gedenken für die Opfer der NS- „Euthanasie“ war zweifellos die Gedenkfeier im Deutschen Bundestag am 27. Januar 2017, am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

Zum ersten Mal standen die Opfer von "Euthanasie" und Zwangsterilisation im Mittelpunkt der alljährlichen Gedenkstunde.

Gedenkveranstaltung im Deutschen Bundestag, 27. Januar 2017Ein historisches Ereignis! Für mich außerdem unvergesslich, weil ich an diesem für unsere Geschichte so bedeutsamen Ort mit zwei anderen Rednern stellvertretend für die vielen namenlosen Opfer an Anna erinnern durfte. Sie alle waren Menschen, die lachten und weinten, fröhlich oder traurig waren, sie alle hatten unverwechselbare Persönlichkeiten. An diesem Tag wurde ihnen wenigstens symbolisch etwas von ihrer Identität und Würde zurückgegeben - sozusagen als Akt später Gerechtigkeit. 

Erinnern, Gedenken, Informieren, Lernen

Dorothea Buck, 2008Ich hatte die große Ehre, die Bildhauerin und Autorin Dorothea Buck kennen zu lernen. Von ihr, die selbst als „minderwertig“ abgestempelt und zwangssterilisiert wurde, stammt der Satz: „Was nicht erinnert wird, kann jederzeit wieder geschehen, wenn die äußeren Lebensumstände sich entscheidend verschlechtern.“

Im Verlauf meiner Spurensuche und Erinnerungsarbeit habe ich öfters gehört: "Was sollen die alten Geschichten! Lass doch die Vergangenheit ruhen!" Dem kann ich nur aus tiefster Überzeugung entgegnen: Ich halte es für eine moralische Verpflichtung, an die Menschen zu erinnern, die so unsäglich gelitten haben. Es ist richtig - niemand wird dadurch lebendig, aber indem man an die einzelnen Menschen und ihre Lebensgeschichten erinnert, indem man ihnen Namen und Gesicht zurückgibt, erweist man ihnen Respekt und Ehre, die ihnen jahrzehntelang verweigert wurden.

Der Prozess der Erinnerung beinhaltet jedoch mehr als Gedenken an die Opfer. Wir können, ja, wir müssen aus der Geschichte lernen. Das ist umso dringender erforderlich in Zeiten, in denen menschenverachtende Ideologien von Rechtspopulisten zunehmend an Boden gewinnen.

Die NS-Medizinverbrechen - im Namen der Wissenschaft, von der Mehrheit der Bevölkerung geduldet - waren Ausdruck einer bis zum Letzten getriebenen Radikalisierung und Pervertierung weit verbreiteter Einstellungen und Haltungen gegenüber den „Andersartigen". Wer glaubt, dass solche Haltungen heute keine Rolle mehr spielen, der irrt. Der gesellschaftliche Umgang mit Behinderung, mit Schwäche und Alter, nicht zuletzt mit psychischen Erkrankungen steht nach wie vor auf der Tagesordnung und stellt uns immer wieder vor neue Herausforderungen. Die enormen Fortschritte in der modernen Medizin und die damit verbundenen bioethischen Debatten machen die Definition allgemein verbindlicher, ethischer und rechtlicher Normen nötig. Es ist nicht immer einfach eindeutig Position zu beziehen, zwischen Gut und Böse, zwischen Segen und Fluch der modernen wissenschaftlichen Errungenschaften zu unterscheiden. Bei der Bewältigung dieser schwierigen Aufgabe kann das historische Gedächtnis Hilfestellung leisten.

Der Blick auf die Vergangenheit zeigt, was passieren kann, wenn eine Gesellschaft Menschen nur nach ihrem „Wert" oder „Unwert" bemisst. Sicher müssen wir heute nicht mehr davon ausgehen, dass ein Mensch, der geistig, körperlich oder psychisch krank ist, in einer Anstalt, in der das Töten systematisch vollzogen wird, ermordet wird. Doch je leistungsorientierter eine Gesellschaft ist, umso größer ist die Gefahr, dass so genannte Randgruppen als wirtschaftliche Belastung angesehen und von einer angemessenen Teilhabe an der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Es geht darum, Denkstrukturen, die bis heute latent vorhanden sind und die den Umgang mit Abweichung oder schlicht „Andersartigkeit“ in Teilen der Gesellschaft bis in die Gegenwart bestimmen, zu erkennen. Indem wir Mechanismen und Denkmuster besser verstehen, die in der Vergangenheit zu einer derartigen Perversion menschlicher Moral und Handelns geführt haben, können wir hoffentlich mit diesem Wissen rechtzeitig Alarmzeichen erkennen und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.

Es sind Einzelschicksale wie das von Anna, die abstraktes historisches Geschehen begreifbar machen, im besten Fall die Herzen der Menschen berühren und dadurch etwas in den Köpfen bewegen. Ihre Geschichte zeigt, wie wichtig es ist, genau hinzusehen, hinzuhören, zu widersprechen und falls nötig zu handeln, wenn einzelne Menschen oder Gruppen nach ihrer Nützlichkeit, ihrem vermeintlichen Wert oder Unwert bemessen werden.

Erinnern heißt Gedenken, aber auch Informieren und Lernen. Erinnern kann uns Maß und Orientierung geben und bei der Gestaltung einer Gesellschaft helfen, die Respekt hat vor dem menschlichen Leben in all seiner Verschiedenheit und Unvollkommenheit, einer Gesellschaft, die auf Toleranz gründet und in der die Achtung der Menschwürde selbstverständlich ist.

Wir alle bestimmen mit unserem Handeln darüber mit, in was für einer Gesellschaft wir heute und morgen leben.


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