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NS "Euthanasie"

Annas Geschichte

Ännes letzte Reise

Stolperstein

Erinnerungsarbeit

Namensnennung

Patientenakten

Bedburg-Hau

Fotos Grafeneck 2006

"Aktion T4" Berlin

Runder Tisch "T4"

Fotos "T4" Ort 2006

Wettbewerb "T4" 2012

Erinnerungsort 2014

Erinnerungsarbeit 2003 - 2010

Gegen das Vergessen der "Euthanasie" Opfer
in Bedburg-Hau & Grafeneck

Namensbuch der Euthanasie Opfer in Bedburg-Hau

Namensbuch in Bedburg-Hau

Namensbuch der Euthanasie Opfer in Grafeneck

Namensbuch in Grafeneck

 

 

Beginn der Spurensuche: Internet, Familie, Bundesarchiv, Bedburg-Hau

"Gegen das Vergessen und für ein würdiges Gedenken der „Euthanasie"-Opfer aus Bedburg-Hau im Namensbuch der Gedenkstätte Grafeneck!"

Als ich diesen Appell hier im Mai 2004 veröffentlichte, steckte meine 2003 begonnene Erinnerungsarbeit in einer Sackgasse. Ich hoffte, durch das Internet mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung für das Anliegen zu erreichen, als es einer Privatperson normalerweise möglich ist.

Der Anlass für meine Erinnerungsarbeit war das Schicksal von Anna Lehnkering, der Schwester meines Vaters. Sie gehörte zu den mehr als 10.000 Menschen, die 1940 im Rahmen der „Aktion T4“ in Grafeneck als sogenanntes „lebensunwertes Leben“ ermordet wurden. Nachdem ich 2003 per Zufall ihren Namen im Internet auf einer Liste von „Euthanasie"-Opfern gefunden hatte, begann ich zunächst biografische Fakten zu sammeln und befragte die beiden einzigen Menschen, die Anna persönlich gekannt hatten. Verwundert stellte ich fest, dass sie große Erinnerungslücken hatten. Heute weiß ich, dass sich dahinter häufig Verdrängungsprozesse als Folge von Scham und Stigmatisierung durch die Gesellschaft verbergen, was nicht selten bei Angehörigen von „Euthanasie"-Opfern zu beobachten ist, da sich die gesellschaftliche Ausgrenzung körperlich und vor allem psychisch behinderter Menschen auch nach dem Ende des NS-Regimes in der deutschen Nachkriegsgesellschaft fortsetzte.

Parallel zu meiner Spurensuche in der Familie forderte ich Annas Patientenakte aus dem Bundesarchiv in Berlin an. Aus der Akte ging hervor, dass sie ab Dezember 1936 Patientin der Provinzial Heil- u. Pflegeanstalt Bedburg-Hau (Kr. Kleve am Niederrhein) war, aber es gab keinen Hinweis darauf, wo sie ermordet wurde. Erst nach mehrmaligen Nachfragen bekam ich aus Bedburg-Hau die lapidare Nachricht: "...teilen wir Ihnen mit, dass Ihre Tante, Frau Anna Lehnkering, am 21.12.1936 in die RK Bedburg-Hau aufgenommen wurde. Am 06.03.1940 wurde sie nach Grafeneck verlegt, wo sie am 23.04.1940 verstarb." Sie "verstarb" - welch verharmlosender und beschönigender Begriff für Annas furchtbaren Tod! Man hielt es nicht für nötig, darauf einzugehen, dass es sich bei der "Verlegung" von Anna um den Transport in eine NS-Tötungsfabrik gehandelt hatte, in der Anna und mehr als 10.000 andere wehrlose, kranke Menschen vergast worden waren. Vielleicht hätten weniger geschichtlich interessierte Menschen hier aufgehört zu fragen. Für mich war diese verschleiernde Antwort der Antrieb weiterzuforschen.

Ich begann, mein bis dahin eher oberflächliches Wissen über die nationalsozialistischen Medizin-Verbrechen zu erweitern und zu vertiefen. Annas Leben und Tod hatten mich inzwischen so ergriffen, dass ich eine Gedenkseite für Anna gestaltete, die ich Anfang 2004 im Internet veröffentlichte. Das war sicher ein Stück weit Verarbeitung für mich, geschah aber auch aus dem tiefen Wunsch heraus, an Anna zu erinnern.

Nachforschungen: Grafeneck, Bedburg-Hau, Hermeler, LVR
Mit der zögerlichen und gefühllosen Antwort aus Bedburg-Hau wollte und konnte ich mich nicht zufrieden geben. Ich recherchierte weiter und stieß in der Folge auf unerwartete Schwierigkeiten, auf Mauern aus Gleichgültigkeit und Ignoranz. Die Reaktion bzw. Nichtreaktion einiger Verantwortlicher und Institutionen empfand ich als empörend und als eine späte Verhöhnung der Opfer. Ich kam zu dem Schluss, dass es in Teilen unserer Gesellschaft immer noch eine Tendenz des Totschweigens und der Vertuschung gibt, ganz in der Tradition des Umgangs mit Tätern und Opfern nach Ende des NS-Regimes. Viele an der „Euthanasie" beteiligte Mediziner, Juristen, Wissenschaftler, Pfleger etc. blieben unbehelligt und setzten ihre Karrieren - häufig im alten Geist - fort. Ich traf im Verlauf dieses Erinnerungsprozesses aber auch auf Empathie und auf Menschen, die sich seit Jahren engagiert für ein würdiges Gedenken an die „Euthanasie"-Opfer einsetzen.

Zu letzteren gehört auch Dr. Thomas Stöckle, Leiter der Gedenkstätte in Grafeneck. Sobald ich wusste, dass Anna in Grafeneck ermordet worden war, nahm ich Kontakt zu ihm auf. Er informierte mich umgehend und umfassend. Seit 1990 haben es sich die Mitarbeiter der Gedenkstätte zur Aufgabe gemacht, an die Menschen, die 1940 in Grafeneck ihres Lebens, íhrer Würde und ihrer Identität beraubt wurden, zu erinnern. So haben sie in jahrelanger Kleinarbeit in Archiven und Einrichtungen der Psychiatrie nach Namen der vielen anonymen Opfer geforscht, um ihnen durch die namentliche Identifizierung ihre Identität in der Masse der Ermordeten und damit ein Stück ihrer Würde und Unsterblichkeit zurückzugeben. Als Ergebnis der mühevollen Sucharbeit liegt ein Namensbuch/Gedenkbuch vor. Thomas Stöckle schrieb mir Anfang 2004: „Die Zahl der Opfer aus Bedburg-Hau beträgt nach unseren Erkenntnissen 455 Männer und Frauen, hierunter - folgt man den Angaben des Bundesarchivs, und es gibt keinen Anlass diese zu bezweifeln - ihre Tante Frau Anna Lehnkering. Seit Anfang der 1990er Jahre ist in Grafeneck ein Gedenkbuch mit dem Namen der Opfer entstanden, das heute 8.000 Namen enthält, jedoch sind die Namen aus Bedburg-Hau nicht darunter, da sich bis heute die Archive nicht in der Lage sahen, diese der Gedenkstätte Grafeneck zu übermitteln." Was als rein private Suche nach biographischen Fakten über meine Tante begonnen hatte, wurde spätestens nach dieser Information zur Aufgabe, daran mitzuwirken, die Namen aller Opfer aus Bedburg-Hau aufzuspüren.

Aus dem Bundesarchiv in Berlin wurde mir mitgeteilt: "Eine Rücksprache mit dem Leiter der Gedenkstätte Grafeneck, Herrn Dr. Thomas Stöckle, ergab, dass sich die Gedenkstätte Grafeneck z.Zt. bemüht, eine Namensliste der Opfer aus Bedburg-Hau zu erhalten. Zum Erhalt dieser Liste hat sich die Gedenkstätte Grafeneck bereits an den Landschaftsverband Rheinland, 50663 Köln gewandt. Herr Dr. Stöckle versicherte, sich auch noch einmal direkt an das Rheinische Heilpädagogische Heim Bedburg-Hau zu wenden, damit das Gedenkbuch in Grafeneck vervollständigt werden kann. Wie Ihnen bereits telefonisch mitgeteilt wurde,
kann das Bundesarchiv aufgrund der fehlenden Informationen in den vorliegenden Patientenakten leider nicht feststellen, in welche der sechs zentralen Tötungseinrichtungen der sog. T4-Aktion die Opfer ermordet wurden. Daher kann das Bundesarchiv keine Patientenlisten für die einzelnen Tötungseinrichtungen erstellen.
"

Ich versuchte weiter als Angehörige und somit "Betroffene" etwas zu erreichen. Aber meine Nachfragen in Bedburg-Hau endeten immer wieder in einer Sackgasse. Nach mehrmaligem Nachhaken antwortete eine Sekretärin im Auftrag des damaligen ärztlichen Direktors der LK Bedburg-Hau, Dr. Eckert: "... nach Rücksprache mit dem ärztlichen Leiter und dem Mitarbeiter des Archivs muss ich Ihnen leider mitteilen, dass über die Existenz einer Namenliste in den Rheinischen Kliniken Bedburg-Hau nichts bekannt ist." Es gab keine Opferlisten, das hatte ich inzwischen auch verstanden. Aber ich wusste auch, dass die Namen mit den entsprechenden Hinweisen in den Aufnahmebüchern vermerkt waren, denn daher stammte schließlich die Information über Annas Deportation. Hätte man zu diesem Zeitpunkt aus Bedburg-Hau etwas guten Willen und Kooperation signalisiert, vielleicht hätte man mich beschwichtigt. So aber wurde mein Verdacht erhärtet, auf Ewig-Gestrige gestoßen zu sein.

Die möglicherweise mit der Aufgabe völlig überforderte Sekretärin leitete meine Anfrage an das Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland weiter (der LVR ist Rechtsnachfolger des Provinzialverbandes der Rheinprovinz und seiner Einrichtungen, also auch verantwortlich für Bedburg-Hau). Auch diese Antwort war enttäuschend: "... das Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland verfügt in seinen Beständen nur über wenige Informationen, die die „Euthanasie"-Maßnahmen bzw. Verlegungen von Patienten rheinischer Provinzial-Heil- und Pflegeanstalten beleuchten."

L. Hermeler: Die „Euthanasie" und die späte Unschuld der Psychiater - Massenmord, Bedburg-Hau und das Geheimnis rheinischer Widerstandslegenden

Ludwig Hermeler:
Die „Euthanasie" und die späte Unschuld der Psychiater - Massenmord, Bedburg-Hau und das Geheimnis rheinischer Widerstandslegenden,

Verlag: Klartext, 2002

Man verwies mich auf die 2002 erschienene Dissertation von Ludwig Hermeler (ehemaliger Arzt in Bedburg-Hau und Autor von: Die „Euthanasie" und die späte Unschuld der Psychiater - Massenmord, Bedburg-Hau und das Geheimnis rheinischer Widerstandslegenden, Verlag: Klartext, 2002) mit der Bemerkung, dass Hermeler die gesamte Thematik aufgearbeitet habe und u.a. sämtliche im Archiv des LVR lagernden Quellen detailliert ausgewertet und auch das Andenken der Patienten gewürdigt habe. Hermelers Buch war unbestreitbar der erste, wichtige Anstoß, um den längst überfälligen Erinnerungsprozess in Bedburg-Hau in Gang zu setzen. Seine Aussagen bestätigten aber eher meinen Verdacht, dass es um die Aufarbeitung in Bedburg-Hau nicht zum Besten bestellt war. Hermeler nennt die Aufarbeitung der Vergangenheit dort einen Skandal: „Es ist möglich, das Schicksal der Bedburger Patienten zu klären. ... Es waren Menschen, die als Insassen einer klinischen Institution ermordet wurden. Ihr Verbleib und ihre Ermordung wurde bis heute nicht dokumentiert. ... Sie haben das Recht, dass ihr Leiden gewürdigt und anerkannt wird. Das Gedenken der Opfer ist so wichtig wie die Kenntnis der Täter. Alle die Menschen, die während des Krieges in Bedburg-Hau starben oder in die Ermordung deportiert wurden, sind vergessen. Sie haben keine Gräber mehr, denn diese wurden beseitigt oder haben nie existiert. Dagegen existieren die Gräber der verantwortlichen Direktoren Dr. Trapet und Dr. Kleine noch immer auf dem Bedburger Anstaltsfriedhof. Das mögen sie auch. Aber im Vergleich mit der unbegrenzten Ruhestätte der Aktivisten der Morddeportationen ist es ein Skandal, dass von ihren Opfern nicht einmal ein Gedenkbuch mit den Namen und dem Schicksal existiert." (Hermeler, S. 21) Schade, dass dieser Arzt nicht länger in Bedburg-Hau gearbeitet hat! Es ist ihm zu verdanken, dass nach Jahrzehnten des Verschweigens endlich Licht in das Dunkel gebracht wurde. Man ist nicht sehr gut mit ihm umgegangen.

Veröffentlichung im Internet, Reaktion in Bedburg-Hau
Monate nach Beginn meiner Aktivitäten steckten meine Bemühungen in einer Sackgasse. Meine Briefe und E-Mails sowie Telefonate mit dem Ziel, die Namen der 455 in Grafeneck ermordeten Patienten aus Bedburg-Hau zu identifizieren, waren erfolglos. Erst die Veröffentlichung des Sachverhalts auf meiner Homepage 2004 und der damit einhergehende Appell "Gegen das Vergessen und für ein würdiges Gedenken der „Euthanasie"-Opfer aus Bedburg-Hau im Namensbuch der Gedenkstätte Grafeneck!" brachten den Stein ins Rollen. Die Seite über Annas Schicksal und mein Appell, den Opfern ihre Namen zurückzugeben, erreichten und berührten eine Vielzahl von Menschen, die mir schrieben – darunter nicht wenige Angehörige von „Euthanasie“-Opfern. Einige machten sich das Anliegen zu Eigen und leisteten wertvolle Unterstützung. Vorrangig ist Heinz Oberbanscheidt zu nennen, ein Bürger der Gemeinde Bedburg-Hau, der zum wichtigsten und beharrlichsten Mitstreiter wurde. Zunächst erhellte er durch seine Informationen den Hintergrund des Schweigens aus Bedburg-Hau: „Seit meiner frühen Jugend, als ich um 1955 zum ersten Mal den Höss-Bericht las, beschäftigen mich die NS-Verbrechen, so auch T4. Als ich gestern wieder im Internet nach Infos zu Grafeneck suchte, stieß ich auf Ihre HP mit dem erschütternden Bericht über Ihre Verwandte Anna Lehnkering. Dieser Bericht zeigt, wie aktiv auch heute noch Verdrängungsprozesse ablaufen .... Im Bericht zu Ihrer Verwandten nehmen Sie auch Bezug auf die Dissertation von Hermeler. Auch dazu eine Anmerkung: der zwischenzeitlich abgewählte Bürgermeister von Bedburg-Hau meinte einmal in meiner Gegenwart, die im Hermeler-Buch erwähnten Ärzte, die noch lange hier in der Klinik tätig waren, er habe sie gekannt, es seien gute Ärzte gewesen und die Behauptungen Hermelers könne er nicht bejahen. Diese Ärzte hatten übrigens auch unter dem Personal einen klingenden Namen. Es ist also kein Wunder, dass Sie hier in Bedburg auf taube Ohren stoßen – Verdrängung bis hin zu Verneinung ist auch heute noch gang und gäbe." Heinz Oberbanscheidt bestärkt mich bis heute in meiner Erinnerungsarbeit und setzt sich selbst auf vielfältige Weise aktiv für das Gedenken an die Opfer aus Bedburg-Hau ein.

Petitionsausschuss im Landtag NRW
Trotz der positiven Signale hatte ich zwischenzeitlich die Befürchtung, dass das Vorhaben scheitern könnte, denn von politischer Seite wurden immer wieder datenschutzrechtliche Bedenken vorgebracht, die für mich nicht wirklich nachvollziehbar waren und eher wie Ausweichmanöver wirkten.

Nachdem Heinz O. und ich an vielen verschiedenen Stellen "genervt" hatten, stellten wir im März 2006 als flankierende Maßnahme beim Petitionsausschuss im Landtag Düsseldorf den Antrag, die Namensliste der Bedburg-Hau Opfer an Grafeneck weiterzuleiten.

Die Antwort, die wir im Auftrag der Präsidentin des Landtags NRW im September 2006 bekamen, wirkte auf uns - nicht juristisch geschulte Laien – wie ein „Eiertanz“. Zunächst wurde umfangreich aufgelistet, welche Anstrengungen der Landschaftsverband Rheinland als Nachfolger des Provinzialverbandes der Rheinprovinz bereits unternommen hätte, um die Vergangenheit aufzuarbeiten. Es folgte der Hinweis, dass es seit vielen Jahren zu den besonderen Aufgaben der Politik und Verwaltung des LVR gehöre, "die Zeugnisse der Vergangenheit zu sichern, den Opfern eine späte Ehre zu erweisen und den heute Tätigen eine Mahnung für Gegenwart und Zukunft zu geben". Das Ganze hat etwas von einer „Selbstbeweihräucherung“.

In dem für uns relevanten Teil der Stellungnahme des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales in NRW (MAGS) heißt es dann: „Was die angeblichen „Opferlisten" aus Bedburg-Hau betrifft, so weist der Landschaftsverband daraufhin, dass es solche Listen nicht gibt.“ Ja, das war uns bereits vorher bekannt. Wir hatten in unserer Petition ganz unbedarft den Begriff Namensliste verwendet, der formaljuristisch sicher falsch war. Enttäuscht lesen wir: „Der Petitionsausschuss hat sich über den der Petition zugrunde liegenden Sachverhalt unterrichtet und sieht derzeit insbesondere aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Möglichkeit, dem Anliegen von Frau F. und ihrem Bevollmächtigten, Herrn O., die Namen der damals getöteten 455 Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau zu veröffentlichen, zu entsprechen."

Die datenschutzrechtlichen Bedenken beziehen sich u.a. darauf, dass für die ehemaligen Patientinnen und Patienten "grundsätzlich die Bestimmungen des § 203 StGB (Ärztliche Schweigepflicht) gelten". Wie makaber - hier wird von ehemaligen Patienten und Patientinnen gesprochen, die ihren Ärzten einst zum Schutz anvertraut waren und die von eben diesen Ärzten ausgeliefert und bestialisch ermordet wurden.

Im zweiten Teil des Bescheids dann die "Rolle rückwärts" und gleichzeitig ein Hoffnungsschimmer - man begrüßt die Absicht der Klinik, in naher Zukunft eine geeignete Fachkraft einzustellen, die für die Klinikleitung die Namen der Opfer der NS-Psychiatrie recherchieren und ein Konzept für ein würdiges Gedenken in der Klinik entwickeln solle. Es heißt weiter, dass man für die Namen der Opfer aus den ehemaligen Anstalten der Rheinprovinz nach dem Beispiel des Gedenkbuches in Hadamar verfahren wolle. "Die Gedenkstätte Hadamar (in Hessen) hat gerade ein Gedenkbuch fertig gestellt, das alle bekannten Namen der Opfer von Hadamar zusammen mit den jeweiligen Todesdaten enthält. Das Gedenkbuch ist nur in der Gedenkstätte einsehbar, die Namen dürfen nicht „exportiert" werden. Die Gedenkstätte beantwortet jedoch Anfragen und leitet die Anfragenden an Archive oder Dokumentationsstellen weiter, die über weiterführende Informationen verfügen. Dieses Verfahren ist mit dem hessischen Datenschutzbeauftragten abgestimmt. Darin wird eine praktikable Lösung gesehen auch für die Namen der Opfer aus den ehemaligen Anstalten der Rheinprovinz. Der Landschaftsverband will sich dafür einsetzen, dieses Verfahren in Zusammenarbeit mit den Gedenkstätten in Hadamar, Grafeneck und anderen zu realisieren. Voraussetzung dafür ist, dass die Namen der Ermordeten auf Grund der in der Klinik vorhandenen Aufnahmebücher eindeutig identifiziert werden können. Die Ärztliche Direktorin der Klinik plant, in naher Zukunft eine geeignete Mitarbeiterin einzustellen, die für die Klinikleitung die Namen der Opfer der NS-Psychiatrie recherchieren und ein Konzept für ein würdiges Gedenken auch in der Klinik entwickeln soll. Wegen des dazu erforderlichen Arbeitsaufwandes ist eine sofortige Erstellung von Opferlisten leider nicht möglich."

Positive Signale aus Bedburg-Hau ab 2006
Ab dem Sommer 2006 mehrten sich die positiven Signale aus Bedburg-Hau. Die Kontakte zum neuen Bürgermeister der Gemeinde, Peter Driessen, und zur neuen ärztlichen Direktorin der Rheinischen Kliniken Bedburg-Hau, Dr. Marie Brill, brachten die Wende. Ich hatte den Eindruck, als ob sich durch den "Generationenwechsel" in Bedburg-Hau der Wind gedreht hätte und endlich ein angemessener Umgang mit der Vergangenheit und den Opfern der „Euthanasie"-Verbrechen möglich wäre. Dr. Marie Brill und Peter Driessen waren die ersten "amtlichen" Personen in Bedburg-Hau, die nicht nur unbürokratisch und voller Empathie reagierten, sondern ihre Unterstützung zusagten und in der Folgezeit ihr Versprechen einhielten. Ihren Vorgängern war mein Anliegen keine oder nur eine delegierte, geschäftsmäßige Antwort wert gewesen. Nicht unerwähnt lassen möchte ich die Einflussnahme von Frau Dr. Barbara Hendricks (SPD-Abgeordnete für den Kreis Kleve im Bundestag und Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium der Finanzen, sowie die mediale Unterstützung durch Klaus Schürmanns vom Klever Wochenblatt.

Emotional bewegend für die Familie und viele Besucher war im Sommer 2006 die Installation der Erinnerung "Aennes letzte Reise", die für einige Wochen im Rahmen des Kunstlabors ArToll in einem ehemaligen Schlafsaal der Klinik zu sehen war. Mit ihrer Erinnerungsarbeit gab die Künstlerin Ulrike Oeter Anna nicht nur Namen und Gesicht und damit ihre Würde zurück, sondern ehrte sie stellvertretend für die anderen Opfer aus Bedburg-Hau. Ich bat darum, dass diese Rauminstallation für immer in Bedburg-Hau bleiben könnte und bekam von Frau Dr. Brill die Zusage, dass sie sich im Zuge der Neugestaltung des Klinikmuseums dafür einsetzen werde, "Aennes letzte Reise" in das Museum zu integrieren.

Anfang 2007 schrieb mir Frau Dr. Brill, dass demnächst eine neu geschaffene Stelle für die Namensrecherche besetzt würde, um mit den Nachforschungen bezüglich der Namen aller aus Bedburg-Hau abtransportierten und ermordeten Patientinnen und Patienten (nicht nur der Grafenecker Opfer) zu beginnen. Mit Ungeduld warteten wir auf den Abschluss dieser Arbeit, die sich dann aber noch über einen längeren Zeitraum erstreckte. Unsere Nachfragen ergaben, dass sich das Auffinden der Namen in den Aufnahmebüchern und das Entziffern der teilweise in Sütterlin geschriebenen alten Unterlagen als schwierig gestalteten.

Dank der Unterstützung von Dr. Wolfgang Schaffer von der Archivberatungsstelle Rheinland und durch die wertvolle Vorarbeit von Dr. Ludwig Hermeler konnte das Projekt der namentlichen Identifizierung der „Euthanasie“-Opfer aus Bedburg-Hau nach ungefähr zwei Jahren erfolgreich abgeschlossen werden. Insgesamt waren fünf Jahre seit meinem ersten Appell vergangen. Aber was sind fünf Jahre im Vergleich zu fast 70 Jahren des Vergessens!

27. Januar 2009: Gedenkbuch - "Ännes letzte Reise" - Wanderausstellung Grafeneck

Am 27. Januar 2009 war es endlich soweit: Am Gedenktag für die Opfer des NS-Terrors wurde das Gedenkbuch mit den Namen der Opfer der Öffentlichkeit übergeben. Es basiert auf einer Liste mit den Namen von insgesamt 2.832 deportierten Menschen. Für 301 Männer und 320 Frauen konnten das genaue Sterbedatum und der Sterbeort ermittelt werden. (Einladungsflyer für die Gedenkfeier)

Zu meiner großen Freude wurde die Rauminstallation "Ännes letzte Reise" von Ulrike Oeter erworben und bildet nun einen Teil des Erinnerungsortes der Klinik. Damit ist die Klinik in Bedburg-Hau die erste LVR-Klinik, die persönliche Erinnerung an die Opfer pflegt.

Ein wichtiger Ausgangspunkt meiner Erinnerungsarbeit war 2004 die Information von Thomas Stöckle, dem Leiter der Gedenkstätte in Grafeneck. Er hatte mir damals mitgeteilt, dass es trotz seiner Bemühungen keine Erinnerung an die Opfer aus Bedburg-Hau im Grafenecker Gedenkbuch gäbe. Am 27. Januar konnte Thomas Stöckle in Bedburg-Hau die temporäre Ausstellung „Grafeneck“ eröffnen. Diese Wanderausstellung informiert über die Ermordung von mehr als 10.600 kranken und behinderten Menschen in Grafeneck im Jahr
1940, darunter mehr als 450 Menschen aus Bedburg-Hau.

Lassen Sie auch uns den Toten jetzt sagen, dass wir uns nicht vor ihrem Schicksal verschließen, dass unsere Ohren für ihre Stimmen offen sind, dass wir mit unserem Geist und mit unseren Herzen jetzt bei Ihnen sind.“ Aus der Rede von Dr. Leidinger (LVR) am 27. Januar 2009 in Bedburg-Hau

siehe

- Rede von Dr. F. Leidinger - Klever Wochenblatt   - nrz online Artikel - Rheinische Post

 

2009 - 2012 -  Unerwartete Schwierigkeiten bei der Weiterleitung der Namen nach Grafeneck

Die Mühlen der Verwaltung mahlen langsam. Nach der Veröffentlichung meiner Forderung, die Namen der Opfer aus Bedburg-Hau in das Gedenkbuch von Grafeneck einzutragen, mussten acht Jahre vergehen. Im März 2012 war es endlich so weit.  Die Ärztliche Leiterin der Klinik, Dr. Marie Brill, brachte zusammen mit Vertretern der Klinikleitung und Peter Driessen, dem Bürgermeister der Gemeinde Bedburg-Hau, die Namen persönlich nach Grafeneck. Damit sind nun im dortigen Gedenkbuch 9.500 der insgesamt 10.654 Opfer namentlich verzeichnet, darunter die Namen aus Bedburg-Hau.

Ausblick
Die Erinnerungsarbeit in Bedburg-Hau wird weitergehen müssen: Am 27. Januar 2009 wurde davon gesprochen, dass es nun darum gehe, die Rolle der Täter in Bedburg aufzuarbeiten, und damit eine Arbeit, die Dr. Ludwig Hermeler bereits vor Jahren begonnen hat, fortzuführen. Anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Klinik 2012 wird man sehen, ob dies nur leere Worte bleiben oder ob Taten folgen.

Die "Euthanasie"-Verbrechen waren in der öffentlichen Diskussion über den Nationalsozialismus lange Zeit eher ein Randthema. Vielleicht liegt es daran, dass die Opfer in weiten Teilen der Bevölkerung als soziale Randgruppe gesehen wurden. Noch viele Jahre nach Kriegsende gab es katastrophale Unterbringungsbedingungen und menschenunwürdige Behandlungsmethoden in den psychiatrischen Kliniken, die durch skandalöse personelle Kontinuitäten unter der Ärzteschaft begünstigt wurden. Die Täter gehörten zu Berufsgruppen und gesellschaftlichen Schichten mit hohem Sozialprestige. Außerdem hatten Justiz und Verwaltung die Ermordung der geistig und körperlich Behinderten scheinbar legitimiert, was das Verschweigen und Verdrängen der nationalsozialistischen Psychiatrieverbrechen sicher begünstigte. Die Erfahrungen der letzten Zeit lassen mich allerdings hoffen, dass "die Zeit reif ist" für einen veränderten Umgang mit den Geschehnissen. Eine neue Generation, nicht verstrickt in die Verbrechen, machte es möglich, dass Anna und die anderen Opfer aus Bedburg-Hau ihren Namen und ihr Gesicht wiederbekommen haben!

Das bisher Erreichte ist allerdings kein Grund sich auf die Schulter zu klopfen, geschweige denn die Erinnerungsarbeit einzustellen. Im Gegenteil - Erinnerung ist ein Prozess, der niemals abgeschlossen werden kann. In seiner Proklamation zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus sagte Roman Herzog: „Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.

Sigrid Falkenstein, Berlin im  April 2012


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